Weihnachtszauber

Weihnachtsmorgen im Wald.

Mit Großvater holten wir als Kinder früher am Heiligabend das Bäumchen aus dem Wald nach Hause. Längst hatte er es ausgesucht: Eine duftende Blaufichte. Sie stand eingeengt und bedrängt von den anderen Nadelbäumen. Es war Zeit für sie. Der Platz wurde von den anderen Bäumen gebraucht. Großvater hatte einen Blick dafür, welche Bäume gefällt werden mussten und zeichnete sie, indem er mit dem Reißeisen die Rinde ritzte.

Gleich nach dem Frühstück ging es in den Wald. Mein Bruder und ich waren sehr aufgeregt. Großvater hatte sich die Säge in den Rucksack gesteckt, lediglich der Griff schaute oben heraus. Wir liefen über das Feld, der Schnee knirschte unter unseren Füßen und der Wind pfiff uns um die Ohren. Zum Glück hatte Großmutter darauf gedrängt, dass wir uns dick einmummeln, so dass uns die Kälte und der Wind nichts anhaben können. Jetzt waren wir ihr dafür dankbar.

Im Wald angekommen, war der Wind fast völlig verschwunden. Großvater stapfte zielstrebig durch den Winterwald. Die Bäume ächzten unter der Schneelast. Ein Eichhörnchen sprang durch den Tiefschnee, hielt kurz inne und schaute zu uns herüber. Ich meinte zu sehen, dass es uns zuzwinkerte. Dann kletterte es auf einen Baum und verschwand im Geäst. Ich lächelte. Wir liefen weiter.

Kurze Zeit später entdeckten wir quer über den Weg Spuren im Schnee. Wir Kinder blieben stehen und rätselten, wessen Fährte dies wohl sein könnte. Fuchs, Steinmarder oder gar ein Hermelin? Wir fragten Großvater. Er schaute auf die Spuren, runzelte nachdenklich seine buschigen Augenbrauen und meinte dann wissend, dass die Spuren von Reineke Fuchs stammten. Ich blickte zu meinem Bruder. Wir wussten genau, dass wir trotzdem noch einmal im Tierlexikon nachschauen würden, denn Großvater flunkerte manchmal.

Wir stapften weiter in den Wald hinein. Die Morgensonne ließ den Schnee vor uns glitzern und funkeln. Es war, als hätte Frau Holle Puderzucker über dem Wald verteilt. Der Anblick war traumhaft.

Wenig später erreichten wir einen dichten Baumbestand. Wir zwängten uns zwischen den Nadelbäumen hindurch. Dabei fiel uns Schnee von den Ästen auf die Köpfe und ins Gesicht. Wir lachten. Dann blieb Großvater stehen und zeigte stumm mit einer Hand auf eine Fünfergruppe Blaufichten.

Schnell liefen wir Kinder zu den Bäumen. Mein Bruder entdeckte als Erster das Ritzzeichen, welches Großvater an einem der Bäume angebracht hatte. Inzwischen hatte er die Säge aus dem Rucksack geholt und begann mit der Arbeit. Nach wenigen Augenblicken kippte die Blaufichte nur ein Stück nach vorn. Die anderen Bäume wollten sie wahrscheinlich nicht gehen lassen. Mein Bruder und ich zogen ein wenig an dem abgesägten Baum und dann lag er vor uns im Schnee: Fast gerade gewachsen und die Äste voller glänzender Nadeln. Kein Prachtexemplar, aber es war unser Weihnachtsbaum!

Großvater meinte, dass wir noch ein Stück weiter gehen sollten, zur Lichtung, da gäbe es noch eine Überraschung. Dabei zwinkerte er mit den Augen. Neugierig stürzten wir Kinder los, während Großvater den Baum schulterte und hinter uns her lief.

Schon bald sahen wir, was Großvater meinte: Sein Nachbar saß mit seinen beiden Enkeln auf der Lichtung. Sie hatten ein kleines Lagerfeuer entfacht und jede Menge Kartoffeln in die Glut gelegt. Wir setzten uns zu ihnen und wärmten uns ein wenig auf. Die beiden Großväter holten die Erdäpfel aus der heißen Glut, sobald die Schalen rissig wurden. Mit ihren Taschenmessern schälten sie die Kartoffeln und reichten diese zusammen mit einem Schälchen Butter herum, mit der wir die Erdäpfel dann bestrichen. Es schmeckte uns so gut, dass wir die Kälte für eine Zeitlang vergaßen. Die beiden Großväter lächelten verschmitzt. Diese Überraschung war ihnen gelungen.

Nach dem Mittagsmahl machten wir uns alle satt und glücklich auf den Weg nach Hause. Schließlich mussten wir Großmutter alles erzählen, den Baum schmücken, auf den Weihnachtsmann warten und vorher noch im Tierlexikon wegen der Schneespuren nachschauen. Sicher ist sicher.

Diese Geschichte ist mein Beitrag zur Anthologie “LeseBlüten – Weihnachtszauber 2012″ aus dem piepmatz Verlag (ISBN: 978-3-942786-19-5, 208 Seiten, broschiert, 3 Farbabbildungen). Ein Buch für große und kleine Weihnachtsfans mit Geschichten, Koch- und Backrezepten rund ums Fest.

Kartoffelsalat und Heiligabend – Krieg und Frieden.

Nun sind es noch vier Tage bis Heiligabend. Langsam macht sich im Land Unruhe breit, die ganzen Zutaten für die Weihnachtsfressorgien müssen besorgt werden. Zuerst kommt dabei der seit Generationen traditionelle Kartoffelsalat am Heiligabend an die Reihe. Diejenigen, die ihn lieben, wollen immer nur Omas Kartoffelsalat futtern. Diejenigen die ihn hassen, boykottieren diesen Brauch.

Doch der Großteil der deutschen Bevölkerung pflegt dieses Brauchtum. Jedoch birgt dieser eigentlich schnöde Kartoffelsalat jede Menge Zündstoff. Neben regionalen Unterschieden hinsichtlich der Zutatenliste gibt es natürlich die bestgehütetsten Familienrezeptgeheimnisse. Aber in einem sind sich wenigstens alle einig: Hauptbestandteil sind Kartoffeln, festkochend. Vorrangig Pellkartoffeln wegen der appetitlichen gelben Farbe.

Sind die geschälten, noch warmen, Kartoffeln in dünne Scheiben geschnitten, stellt sich die erste Glaubensfrage: Kommt Wurst in den Salat oder nicht und wenn ja, welche? Sollte es gewürfelte harte Wurst, Fleischwurst (Geflügel? Schwein?), Jagdwurst, Kochschinken, Speck sein? Oder Matjes oder gar grüne Heringe? Manchmal ist der Familienfriede schon an dieser Stelle dahin.

Dann kommen die sauren Gurken dran, fein in Würfel geschnitten. Aber natürlich nur eigene Ernte oder die Echten Spreewälder. Man will ja nur das Beste. Weiter geht es mit den Zwiebeln (Rote oder Weiße?) Oder dann doch Schalotten? Auf jeden Fall schön kleingehackt sollen sie den Kartoffelsalat geschmacklich verfeinern. Fein zerkleinerter Knoblauch könnte auch den Weg in die Schüssel finden. Ein geschälter und kleingewürfelter Apfel bringt Frische und Vitamine in den Salat. Gekochte und zerschnittene Eierwürfel sind auch gern gesehene Gäste im Kartoffelsalat. Aber auch hier herrscht enormes Streitpotenzial. Manche Küche musste dahingehend sicher schon viel aushalten.

Der größte Knackpunkt, der sicher auch schon ganze Familienweihnachtsabende verdorben hat, ist das Dressing. Nimmt man nun Mayonnaise, Joghurtsauce, Naturjoghurt, saure Sahne, Crème fraîche, Schlagsahne oder eine Vinaigrette aus Öl, Essig und Gurkenwasser? Oder von jedem ein bisschen? Oder greift man profan zum Fleischsalat, denn da ist die Wurst ja schon drin?

Um einem Gewürzdilemma aus dem Weg zu gehen, sollte der Einsatz von Salz, Pfeffer, Senf, Zucker, Kümmel oder Balsamico im Groben abgesprochen werden. Es gibt da auch Befindlichkeiten, auch als Allergien bekannt. Dekorative Vitamine wie Schnittlauch oder Petersilie runden den Salat am Tag des Servierens ab. Aber da sind der Fantasie der/des Salatkreativen keine Grenzen gesetzt.

Dann sollte man alles schön umrühren und einen Tag stehen lassen. Gut, ein wenig kosten sei erlaubt. Wenn es schmeckt, kann das Kriegsbeil auch wieder unter dem Küchenschrank vergraben werden, wenn es denn überhaupt hervorgeholt wurde.

Bevor der Weihnachtsabend anbricht, sollte zudem die Frage geklärt werden, was zum Kartoffelsalat gereicht wird: Bockwust? Wiener Würstchen (Eigendarm? Schäldarm?)? Chilliwiener? Käseknacker? Pferdewürste? …

Übrigens, genau eine Woche nach Heiligabend ist Silvester. Auch da gibt es vielerorts die Tradition, Kartoffelsalat zum Abendbrot zu kredenzen. Aber vielleicht kann man da einen Nudelsalat machen. Wobei, da stellt sich auch die Frage, Welche Teigwaren nehme ich? Hartweizengriesnudeln? Bionudeln? Eierteigwaren? Spinatnudeln? …

Egal, was letztendlich auf dem Tisch steht: Ich wünsche allen einen Guten Appetit und vor allem ein friedliches und erholsames Weihnachtsfest!

Winterwolken.

Der Himmel strahlt tiefblau an diesem Dezembernachmittag. Große weiße Haufenwolken ziehen wie ein Zug mit ausladenden, dick gepolsterten Waggons im Eiltempo lautlos am Himmel entlang. Keine Lichtsignalanlage, kein Bahnhof hält sie auf. Im Himmel gibt es keinen Stau. Freie Fahrt für die Wolkenbahn!

Doch langsam nimmt das Tempo des Wolkenzuges ab. Die Waggons sind nun dunkler geworden. Der Himmel hat sein strahlendes Blau gegen ein tristes Grau getauscht. Jetzt bewegen sich die Wolken kaum noch. Gibt es doch Stau auf der Wolkenschienenbahn oder kreuzt nur der Mann mit dem roten Mantel samt seinem Rentierschlitten den Weg des Zuges?

Inzwischen ist nicht einmal der graue Himmel mehr zu sehen. Hunderte Wolkenwaggons stapeln sich mittlerweile am Firmament. Plötzlich ist ringsum alles ruhig. Nicht einmal die vorlauten Spatzen zanken sich mehr. Man kann die Stille förmlich anfassen.

Da fallen auch schon die weißen Sterne von oben herab. Von Sekunde zu Sekunde werden es mehr. Ein Stern landet direkt auf meiner Nasenspitze. Der erste Schnee in diesen Winter. Eine klitzekleine Vorweihnachtsfreude.

Tim und der Kosmonaut – Eine Weihnachtsgeschichte.

Es war Ende November in der kleinen Stadt und es herrschte bereits eine bittere Kälte. Tim drückte sich die Nase an der Schaufensterscheibe des Spielzeugladens platt. Immer wieder wischte er mit dem Ärmel seiner Jacke die Scheibe blank, die durch seinen Atem beschlug. Fasziniert und zugleich gedankenverloren schaute er sich den kleinen Kosmonauten in seinem dicken Raumanzug an, der neben einer silbernen Rakete, an der rote Sterne prangten, stand und auf den Abflug wartete. Es sah aus, als ob der Kosmonaut Tim zuwinkte. Zumindest lächelte er ein wenig. Genau war das aber unter dem Helm nicht zu sehen, Tim war sich aber ganz sicher, dass der Raumfahrer dies tat.

Zu gern hätte Tim die Rakete und den Kosmonauten unter dem Weihnachtsbaum gesehen, doch Mutter sagte, dass neue Schuhe wichtiger seien.

Jeden Tag nach der Schule ging Tim zum Spielzeugladen und hoffte, dass kein anderes Kind die Rakete mit seinem Kosmonauten gekauft hat. Aber es stand immer noch da. Tim war jedes Mal erleichtert. Gemeinsam mit dem Kosmonauten wartete er Tag für Tag auf den Start der Rakete. Sie sollte in den Weltraum zu fernen Planeten fliegen, um diese zu erforschen.

Weihnachten rückte immer näher. Die dritte Adventskerze war schon längst angezündet. Wie jeden Abend, lag Tim in seinem Bett. Das Mondlicht lugte zaghaft durch das Fenster. Die Sterne funkelten am wolkenlosen Himmel. ‘Was wäre es schön, wenn ich jetzt mit meinem Kosmonauten und der Rakete spielen könnte.’ Mit diesen Gedanken schlief er ein.

Plötzlich rumorte es an seinem Fenster. Tim erschrak. Verschlafen blinzelte er unter der Decke vor. Der Kosmonaut stand draußen auf dem Fensterbrett und klopfte an die Scheibe. Schnell sprang Tim aus dem Bett und öffnete das Fenster. Eiseskälte schlug ihm entgegen. Aber das war jetzt egal. Sein Kosmonaut stand vor ihm und jetzt redete er sogar: “Ich wollte mich bei dir verabschieden, meine Mission beginnt gleich. Die Rakete ist startklar. Auf Wiedersehen, Tim.” Da sah der Junge, dass unten auf der Straße die kleine silberne Rakete mit den roten Sternen unter der Straßenlaterne stand. Erstarrt vor Kälte und Freude stand Tim am offenen Fenster. Der Kosmonaut war inzwischen wieder herunter geklettert und stieg in die Rakete. Er winkte. Tim hob seine rechte Hand und winkte zurück.

Wenig später züngelten kleine rote Flammen unter der Rakete hervor und langsam, mit einem kleinen Zischen, hob die Rakete ab. Als sie in Höhe des Fensters war, schaute der Kosmonaut durch das Bullauge der Rakete. Jetzt war sich Tim sicher: Der Kosmonaut lächelte. Die Rakete wurde schneller und schneller. Immer höher flog sie in den klaren Nachthimmel empor, bis nur noch ein kleiner roter Punkt zu sehen war.

Tim schloss das Fenster und kletterte glücklich in sein kuschelig warmes Bett zurück. Er schlief schnell ein. Dabei hatte er ein seliges Lächeln auf den Lippen.

Weihnachtszauber 2011
 Diese Geschichte ist mein Beitrag zur Anthologie “LeseBlüten – Weihnachtszauber 2011″ aus dem piepmatz Verlag.
Ein Buch für große und kleine Weihnachtsfans. Es gibt verschiedene Kapitel, z. B. für die, die noch an den Weihnachtsmann glauben oder es möchten und die, die es nicht mehr tun.
ISBN: 978-3-942786-11-9, 240 Seiten, broschiert, 6 Farbabbildungen.

Der Geschenkestress oder Warum feiern wir eigentlich Weihnachten?

Der Heiligabend ist nun auch wieder Geschichte. Wochen, wenn nicht gar Monate, vorher begannen die Vorbereitungen mit den Gedanken, was schenke ich wem. Letztendlich haben wir wiedermal vieles kurz vor knapp gekauft, in der Hoffnung, es gefällt dem Beschenkten auch.

Ich habe dieses Jahr schon ziemlich zeitig meine Antennen für die Wünsche meiner Kinder ausgestellt und diese auch nach reichlichem Überlegen  gekauft. Natürlich nicht alles, was sie wollten, sondern nur die, welche sie am meisten begehrten. Da waren das Prinzessinnenschloß für meine Tochter und der Bagger von LEGO Technik für meinen Sohn.

Der Heiligabend rückte näher und näher. Dann war er plötzlich da. Das Kaffeetrinken war vorüber, leichter Schneefall setzte ein. Perfekt für einen klischeehaften heiligen Abend. Die Kinder wurden unruhig, wo denn der dicke Mann mit dem roten Mantel wohl bleibt. im Kinderzimmer malte ich mit den Beiden noch Winterbilder. Immer wieder die Frage nach dem Weihnachtsmann. Meine Tochter kletterte auf das Fensterbrett und sah nach draußen. Keine Menschenseele war zu sehen. Die Sprösslinge wurden immer ungeduldiger und sie steckten mich damit an.

Plötzlich ein Klopfen an der Tür, als würde jemand mit einem Reisigbesen dagegen schlagen. Tatsächlich: Es war der Weißbärtige in voller Schönheit. Nachdem er die Missetaten und natürlich auch die guten Seiten der Kinder erörtert und sich die gelernten Lieder und Gedichte der Beiden angehört hatte, gab es endlich die Geschenke.

Voller Neugier und gespannter Erwartung wurde das Papier aufgerissen, um den Inhalt zu erpähen. Dann dieses Leuchten in den Augen. Das ist der Moment, auf den sich die Erwachsenen die ganzen Wochen gefreut haben oder auch in Sorge waren, ob die auserwählten Gaben auch die Richtigen seien. Sohn und Tochter waren glücklich, wie Sterne strahlten ihre Augen. Ihre Wünsche wurden erhört. Ein Stein fiel fiel mir vom Herzen.

Deswegen feiern wir also Weihnachten. Dieser Zauber der glücklichen Kinderaugen. Das ist ein Gefühl, was die Erwachsenen glücklich macht. Dafür lohnt sich der ganze vorweihnachtliche Stress.

Ach ja, das Zusammenbauen des Baggers hat übrigens knapp zwei Stunden gedauert (und ich hatte dabei natürlich auch meinen Spaß dabei)…